Die Pfeife

von Constantin Schwab
(http://whoisconstantin.blogspot.co.at/)

Erschienen in: &radieschen Nr. 41, 2017, S. 37f.

Ich habe drei klar umrissene Erinnerungen an mein fünftes Lebensjahr: Ich erinnere mich an eine Pfeife; ein schön gearbeitetes, eschenbraunes Stück mit goldenem Ring an der Öffnung und gewölbten Mundteil, gut gepflegt, auf Glanz poliert. Ich erinnere mich, wie mein Großvater die Pfeife in der tiefen, unteren Lade des Wohnzimmerschranks verwahrt, inmitten von unsortierten Briefumschlägen, Schnellheftern, Schreibwerkzeug und Geschenkpapier mit Weihnachtsmotiven. Ich erinnere mich, heimlich in der Lade zu stöbern, die kleine, glatte Pfeife hervorzuholen und daran zu nuckeln wie die Erwachsenen.

Zwanzig Jahre später bin ich bei meinen Großeltern zu Besuch und komme, während einer kurzen Schweigephase am Küchentisch, auf die Pfeife von damals zu sprechen. Zu meiner Überraschung erklärt Großvater, niemals Pfeife geraucht zu haben. Nur einmal, 1941, in Polen stationiert, da habe er mit seinen Kameraden zu rauchen versucht, aus Stolz und halbem Zwang, es hatte nicht recht klappen wollen. Eine Pfeife allerdings habe er nie benützt, noch besessen. Ich blicke zu meiner Großmutter, sie zuckt bloß mit den Schultern und fragt, ob ich noch eine Portion möchte. Ich erwähne das Versteck in der Wohnzimmerlade, neben dem weihnachtlichen Geschenkpapier. Großvater sieht mich gelassen an und schüttelt langsam den Kopf. Im Schrank war nie eine Pfeife, mein Junge.

Nach dem Essen telefoniere ich mit Mutter und frage nach Großvaters Pfeifenversteck. Sie blockt wieder einmal ab und entgegnet, ich solle meine Energie lieber in die Jobsuche investieren als in nostalgisch verdrehte Wunschvorstellungen. Von irgendeiner Pfeife wisse sie nichts. Weil ich keine Lust auf Diskussionen habe, bedanke ich mich wie immer für den Rat und lege auf. Ich lasse das Telefon sinken und blicke vom Gang aus durch die offene Tür ins Wohnzimmer, die Großeltern starren leere Blicke in den Fernseher. Dass ihre Erinnerung langsam schwindet, mag wenig verwundern, dass meine Mutter ihnen beipflichtet, beunruhigt mich. Später des Abends, als die Großeltern bereits schlafen, da gehe ich zum alten Wohnzimmerschrank, bücke mich und öffne die unterste Lade. Sie ist leer. Ich lockere meinen Hemdkragen, schließe meine Augen, atme den Geruch von altem Holzwerk und versuche, die inneren Bilder zu ordnen. Konnte es sein, dass meine kindliche Erinnerung ein Trugschluss war? Eine reine Projizierung, ein falsches Dokument, ein Anachronismus in meiner Familiengeschichte, den ich mir jahrzehntelang aufrechterhielt? Niemand außer mir schien sich an die Pfeife zu erinnern, und doch war sie für mich ein allzu reales Bild, ein absoluter Teil meines Heranwachsens, ein Teil, an dem ich nie gezweifelt hätte. Nie zweifeln wollte.

Zwei Tage später bin ich zurück in Wien und übernachte bei Maria. Am darauf folgenden Morgen, noch im Bett liegend, erzähle ich ihr von dem seltsamen Vorfall bei meinen Großeltern. Sie nimmt meine Erinnerung ernst, vielleicht sogar zu ernst, und gleich darauf bereue ich, meine Freundin in das Dilemma der Vergangenheiten eingeweiht zu haben. Ich hatte schon wieder vergessen, dass Maria jeden meiner Sätze reflektiert und ausbreitet, seit sie an ihrer Wittgenstein-Dissertation schreibt. Sie nimmt Haltung an und blickt mir konzentriert in die Augen. Wenn du dir in einer Erinnerung nicht mehr sicher bist, wie kannst du es in allen anderen sein? Ihre Frage ist ernst, viel zu ernst für einen gemeinsamen Morgen im Bett und ich versuche hastig, die Stimmung umzulenken, das Leben sei zu kostbar für allumfassende Zweifel und überhaupt gibt es wichtigere Dinge und ich müsse mir endlich einen Job suchen. Wie sehr ich an den letzten Satz glaube, weiß ich selbst nicht. Es ist auch egal, Maria hat nicht zugehört. Sie fragt, wo ich gerade bin. Ich sage, hier, im Bett, zwischen den Laken, bei dir. Beweise es, sagt sie und wieder ertönt dieser Ernst in ihrer Stimme, der mich zutiefst beunruhigt. Während ich keine Antwort auf ihre Frage finde, bewegt sie sich mechanisch aus dem Bett und ich sehe ihren nackten Rücken in diesem Moment ungewöhnlich klar umrissen, konkret wie selten zuvor.

Die nächsten Tage wird es zunehmend schlimmer. Maria geht nicht mehr aus der Wohnung, sie schreibt nicht, liest nicht, macht das Radio nicht an. Der Vorfall mit der Pfeife will sie nicht mehr loslassen, egal, was ich sage, es lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Meine Freundin beginnt zu zweifeln. Meine Freundin will zweifeln. Erst zweifelt sie ihre Fähigkeit zur Erinnerung an, dann ihre Wahrnehmung, das Umfeld, die Dinge, mich, schließlich sich selbst. Wir sitzen eines Abends an ihrem Küchentisch und schweigen, da betrachtet sie ihre rechte Hand. Wenn sie ihre rechte Hand in diesem Moment nicht betrachtete, wie könne sie dann sicher sein, dass diese existiere? Ich sage, wir existieren, weil wir gewisse Dinge als gegeben voraussetzen. Doch Maria hört wieder nicht zu, sie will sich nicht mehr zufrieden geben, nicht mit sich, nicht mit uns, nicht mit der Welt, in der wir sitzen. Sie will ihre Hand nicht mehr als selbstverständlich ansehen, sie will nichts mehr als gegeben hinnehmen. Nichts. Und ab diesem Moment beginnt meine Freundin zu verschwinden. Erst ihre rechte Hand, dann die linke. Bald darauf verschwinden ihre Füße unter dem Küchentisch, ihre glatten Waden, Kniekehlen, Schenkel. Dann Elle und Speiche, Oberarme, die zarten, knochigen Schultern, ihr schmaler Hals, das Becken, der Torso, schließlich Nase und Ohren, Kinn, Lippen und Wangen. Ihre blonden Strähnen lösen sich auf bis zum letzten Haar, ihre Brauen schwinden, die Stirn fällt ein. Ihre Augen verblassen wie ein Traum am nächsten Morgen.

Am Ende ist Maria weg. Das Bild meiner Freundin bleibt eine leere Erinnerung in meinem Kopf, gleich der alten Pfeife meines Großvaters. Ich sehe unsere Beziehung in klar umrissenen Zügen und kann mir doch nicht sicher sein, dass sie jemals existiert hat.

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