Hassounas Leben nach dem Tod

von Katharina Goetze

Erschienen in: Wienzeile Nr. 69 (Juni 2016).

Hassouna hat den Tod überlebt. Oder zumindest seinen Wunsch danach zu sterben, der im entscheidenden Moment viel stärker war, als alles andere in ihm. Hassouna ist noch immer hier. Mit der Nachricht von Tarek, die er bisher nicht beantwortet hat.

Es sind die Tage des Khamseen-Sturms, der die Luft mit Sandstaub aus der Sahara gelb färbt und austrocknet. Und die Mutter, die Schwester, der Vater, sie schließen in der ganzen Wohnung die Fenster, damit der Staub draußen bleibt. Und sie schauen Hassouna nicht an, sondern sagen: „Was für ein schlimmer Unfall, Gott sei Dank lebst du noch, Gott hat dich geschützt.“ Dann reden sie nicht mehr darüber, sondern holen die Gebetsteppiche heraus und fallen auf die Knie. Sie beugen sich nach vorn und flüstern über ihre Schultern hinweg den Engeln zu, links und rechts, und Hassouna will es am liebsten noch einmal versuchen.

Denn wenn Hassouna nach seinem Sprung aus dem vierten Stock tatsächlich tot gewesen ist, wovon er ausgeht, dann hat er auf der anderen Seite gesehen, dass es in Wirklichkeit keine Höllenqualen für das gibt, was er sich angetan hat. Auch keinen Himmel. Da war einfach nur Schlaf, aber wacher Schlaf. So, wie wenn er am Computer Football Manager spielt und nicht merkt, dass ihm schon seit Stunden die Blase drückt. So war das Tot-sein.

Seit er aus dem Krankenhaus entlassen ist, zwingt sein Vater ihn, in die Moschee zu gehen, jetzt noch öfter als vorher. Der Gott seines Vaters kennt keine Ausreden. Hassouna hört dem Vater zu und kann nicht sagen, was er weiß und was er gesehen hat. Fragen und Einwände haben nur Ungläubige, die an einen Ort verbannt werden, den es nicht gibt. Hassouna wirft sich auf die Knie, presst seine Stirn fest in den rauen Teppich, aber wie immer ist niemand für ihn da.

Im Internet ist Gott auch nicht, aber da bemerkt es Hassouna weniger. Im Internet ist Tarek. Tarek, den er im echten Leben noch nie getroffen hat, aber der ihn jetzt eingeladen hat, für diesen Freitag. Tarek ist der Einzige, mit dem er reden kann. Über die Radikalen, die alles verbieten wollen und Forschungen, die belegen, dass ein reicher Mann in Mekka sich damals einfach selbst ein Buch ausgedacht hat. Vorgestern hat Tarek ihm einen Witz über die jüngste Frau des Propheten geschickt, und Hassouna ist erst zusammengezuckt, hat dann das Chatfenster ganz klein gemacht, so dass man Tareks Nachricht nicht mehr sieht und hat LOL getippt. So einer ist Hassouna jetzt geworden.

Nachts schläft Hassouna kaum, aber am Tag träumt er von einer Welt, in der alle schon einmal tot waren und sein Wissen teilen. Er könnte im Ramadan rauchen, müsste keine Krankheit vortäuschen, wenn er das Morgengebet durchschläft, er könnte Samira ohne Probleme an der Uni ansprechen und mit ihr durch die Stadt gehen. In einer Bar würde sie ihn bedeutungsvoll anschauen, dann würden sie heimgehen, die Eltern würden nicht auf Heirat bestehen, und wenn es mit ihr nicht so gut läuft – was er nicht ausschließen kann – dann würde er in der nächsten Woche einfach ihre Freundin spazieren fahren.

Tarek ist der einzige Mensch, dem Hassouna von seiner Erfahrung im Jenseits geschrieben hat. Daraufhin kam Tareks Einladung. Zu einem Treffen liberaler Ägypter und es ist davon auszugehen, dass das gefährliche Wort “liberal” noch eine Untertreibung darstellt. Hassouna lehnt sich an das Fenster, dieses Mal vorsichtig und ohne Hintergedanken, schaut in den gelben Nebel hinaus, kann nichts erkennen.

Es könnte verschiedene Gründe haben, warum er jetzt stockt. Der Wahrscheinlichste: ihm kommt der Gedanke, dass es ernst wird, wenn er die Einladung annimmt. Hassouna ist dem Staat bislang nur unter einem Namen bekannt, den seine Eltern ihm nach seiner Geburt gegeben haben und der nicht Hassouna ist. Wenn er jetzt nicht den Computer ausschaltet, zurück zu seiner Mutter ins andere Zimmer geht, wo sie den Predigern im Fernsehen zusieht, dann wäre sein Weg vorgezeichnet.

Dann würde er am Freitag zwar mit seinem Vater in die Moschee gehen, aber nach dem Abendgebet ins reiche Heliopolis fahren. Er würde sich auf dem Weg eine neue Sim-Card zulegen, die er ohne Personalausweis für den fünffachen Preis in einem heruntergekommenen Laden in Mounib bekäme. Mit der würde er Tarek anrufen, von dem er vermutet, dass auch er einen anderen Namen und eine weitere Sim-Card hat. Hassouna stellt ihn sich als Mitte Dreißig vor, erste Linien durchs Gesicht, Bankangestellter oder Ingenieur. Tarek also würde vor dem Café im Halbschatten auf ihn warten, ihm von hinten auf die Schulter klopfen und so etwas sagen wie „Hassouna, Sie sind verhaftet“ und Hassounas Herz würde sich erst nach ein paar Minuten wieder von dem schlechten Witz erholen.

Im Café – es wäre sicher einer dieser Orte mit Kerzenleuchtern, Katzen unter den Tischen und Umm Kolthoum in der Dauerschleife – würde die Gruppe abseits von allen anderen Gästen sitzen und nur von einem vertrauten Kellner bedient werden. Es wären fast nur Männer da, umringt von Schischas, Bier und vollen Aschenbechern. Tarek würde ihm auch eine grüne Flasche Stella hinstellen. Es würde anders schmecken, als Hassouna sich Bier immer vorgestellt hat, und er würde sofort glühen.

In Hassounas Vorstellung würden alle um ihn herum die Muslimbrüder und das Militär, die koptische Kirche und den Mufti von Al-Azhar verteufeln und über die Evolutionstheorie und das kommunistische Manifest diskutieren. Er würde vielleicht Begeisterung, vielleicht Angst oder doch Abscheu empfinden.

Aber am Ende wäre auch eine Frau da. Natürlich. Denkt Hassouna. Es ist immer eine Frau da, in jeder Geschichte. Sie könnte Amira heißen. Eine Prinzessin also, mit einem tiefgeschnittenen Dekolleté und Augen, die ihn direkt anschauen. Amira würde ihm von ihren diversen Beziehungen erzählen, und dass sie nicht heiraten will. Von ihren konservativen Eltern, und wie sie als Künstlerin allein in einer Zweitwohnung ihrer Mutter lebt und nur am Wochenende heim nach Alexandria fährt.

Hassouna würde Tarek fragen, ob Amira eine Nutte sei, aber Tarek würde nur lachen und sagen, das Mädchen brauche kein Geld und das würde für Hassouna rein gar nichts erklären. Und er würde sich ärgern, weil er sich mit Frauen nicht auskennt, und die Religiösen noch ein bisschen mehr hassen. Und noch mehr trinken, während Tarek allen stolz Hassouna als lebenden Beweis für ihren Unglauben vorstellt. „Stellt euch vor, er war tot und hat gesehen, dass da nichts ist“, etcetera, würde Tarek sagen und auf Hassouna zeigen und die Menge würde grölen.

Hassouna würde sich währenddessen wieder Amira zuwenden, die ihn mit gesenkten Lidern —

Aber in dem Moment würden die Schwadronen des Mukhabarat hereinplatzen und den ganzen Laden hochnehmen, weil Tarek doch eigentlich einer von denen ist, oder einer von Amiras Geliebten, den er bisher nicht bemerkt hat, würde ihn zusammenschlagen wollen, oder ein Gast, der im Vorbeigehen eine Beleidigung seines Gottes gehört hat, ruft seinen Cousin bei der Staatssicherheit an.

Und am Ende, so denkt Hassouna, würde er wieder allein sein, geflohen, weit gerannt durch die Nacht, bis er den Nil erreicht hat. Die Schuhe würde er sorgfältig auf der vorletzten Stufe abstellen, denn sie sind noch neu und in einer Stadt voller armer Leute gibt es keinen Grund, sie mit im Fluss zu versenken. In seinen Ohren würde der Khamseen-Sturm brausen, vorm Trommelfell gelben Sand ablagern, dass es still wird. Und dann würde er schwimmen, bis er nur noch ein ganz kleiner Punkt ist, der sich am Ende auflöst. Irgendwo da draußen bei den Schiffen mit den großen Segeln, wo es hell und frei ist, selbst mitten in der Nacht.

Und diesmal könnte niemand seinen Tod einen Unfall nennen. Die Eltern und die Schwester würden die Fenster offenstehen lassen, die Engel auf ihren Schultern für immer schweigen, und der Sand würde durch alles hindurchfegen, überall eindringen, in jede Ritze, sich einlagern bis in alle Ewigkeit.

Doch Hassouna, der es nicht ertragen kann, wenn seine Mutter weint, löscht Tareks Einladung, löscht Tareks Kontakt, bleibt daheim auf dem Sofa vor dem Fernseher mit den Predigern, und behält seinen ersten Tod für sich.

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